Die designierte Bezirksamts- chefin Katja Husen von den Grünen Foto: ngo

Eine „politische Sparringspartnerin“

Offen, direkt und zugänglich:
Katja Husen, designierte Bezirksamtsleiterin,
im Wochenblatt-Interview

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Katja Husen wird am 28. November in der Bezirksversammlung Eimsbüttel
voraussichtlich zur neuen Bezirksamtsleiterin gewählt. Sie löst damit Kay
Gätgens vorzeitig ab. Im Interview mit Wochenblatt-Mitarbeiterin Natascha Gotta spricht Husen über die grün-schwarzen Pläne für den Bezirk, ihre Qualifikationen für das Amt und ihre persönlichen Zielsetzungen und Hoffnungen.

Niendorfer Wochenblatt: Dass Sie für Ihre Partei die Idealkandidatin sind, ist
nachvollziehbar. Jetzt auch für die CDU. Wie lebt eine „Von-Kopf-bis-Fuß-Grüne“ damit?
Katja Husen: Damit habe ich keine Schwierigkeiten. Ich habe mich nie in erster Linie als ‚Grüne‘ definiert. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, anschlussfähig für andere, nicht-grüne Milieus zu sein.

NW: Es gibt auch Kritik von den anderen Parteien: Als Diplom-Biologin
und Leiterin zweier UKE-Zentren bringe Katja Husen zu wenig fachliche Kompetenz
und zu wenig Verwaltungserfahrung für eine Behörde mit. Was sagen Sie dazu?
Husen: Prinzipiell betrachte ich mich als Generalistin und habe mich schon häufig in ganz neue Themenfelder und Strukturen einarbeiten müssen. Das ist mir bisher auch immer sehr gut gelungen. Ich kann verstehen, dass es Forderungen gibt, dass an der Spitze eines Bezirksamtes eine Verwaltungsexpertin stehen sollte. Ich glaube aber, dass das dem Anspruch der Bezirksversammlung nicht gerecht wird. Denn die erwarten eine ‚politische Sparringspartnerin‘. Es ist vielleicht auch ein Vorteil, dass ich von außen komme. Mit zehn Jahren Politik und zehn Jahren UKE Management bringe ich alles für die neue Aufgabe mit.

NW: Auch ihre neue politische Gegnerin spricht von ,Postenpolitik‘
nach Parteibuch. Warum gibt es keine öffentliche Ausschreibung?
Husen: Nach dem Rechtsverständnis der grün-schwarzen Koalition ist eine Ausschreibung nicht möglich, so lange es einen Amtsinhaber gibt.

NW: Rot-Grün hat in Eims-büttel lange gut zusammengearbeitet.
Nun ist die CDU die Zukunft. Wie gehen Sie damit um?
Husen: Ganz pragmatisch. Die SPD hat nie Probleme gehabt, mit anderen Parteien zu koalieren. Ich kann verstehen, dass es der SPD schwer fällt einzusehen, dass das die Grünen auch machen. Aber dafür gibt es Koalitionsverhandlungen und Mitgliederversammlungen, auf denen das Ergebnis beschlossen wird. Und am Eimsbütteler Koalitionsvertrag gibt es für mich als Grüne nichts auszusetzen.

NW: Wie sind Ihre geplanten Vorstellungsrunden bei den anderen Bezirksfraktionen verlaufen?
Husen: Bislang gab es nur eine Vorstellung bei den Linken. Die SPD hat ein Treffen abgelehnt. Die FDP hat auf das Kennlern-Angebot nicht geantwortet. Der AfD wurde kein Angebot gemacht.

NW: Mit Blick auf Ihre teils sehr kritischen Tweets über Kirche, CDU, CSU:
Konnten Sie bei der CDU Eimsbüttel alle Zweifel an Ihrer Person ausräumen?
Husen: Die Kollegen in der CDU sind sehr wohl in der Lage, einen bissigen Kommentar in den sozialen Medien von einer politischen Grundhaltung zu unterscheiden. Wenn man sich mein gesamtes Twitter-Profil anschaut, wird deutlich, dass ich mich immer wieder kritisch zu Institutionen äußere und wie in diesen mit den Schwächsten umgegangen wird. Als Bezirksamtsleiterin werde ich meine Worte trotzdem anders wählen. Natürlich werde ich mich weiterhin gegen Rassismus, Antisemitismus, Frauenverachtung einsetzen. Die Bürger haben ein Recht zu erfahren, welche Haltung ich zu der Frage habe, wie wollen wir eigentlich zusammenleben?‘.

NW: Wie wird sich die Politik in Eimsbüttel durch Sie verändern?
Husen: Meine Hoffnung ist, dass die Menschen merken, dass ich ein sehr zugänglicher Mensch bin, den man direkt kontaktieren kann und der für viele Themen offen ist. Ich hoffe, dass auch ,leise‘ Menschen, die sich nicht bereits überall äußern, mich als Bezirksamtsleiterin ansprechen. Dies gilt insbesondere für Menschen, die bisher mit Ämtern und Verwaltung schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich hoffe, dass es wieder zu einem größeren Vertrauen der Bürger kommt, dass im Bezirksamt Politik mit ihnen für sie gemacht wird. Ich glaube, dass man mit guter Verwaltung etwas gegen Politikverdrossenheit machen kann.

NW: Welche drei Themenfelder haben
in Ihrer Amtszeit oberste Priorität?
Husen: Die Verkehrswende, bezahlbares Wohnen und Inklusion. Dazu zählt auch die Barrierefreiheit im Kontakt mit dem Amt und das generelle Mitdenken von Menschen mit Inklusionsbedarf.

NW: Grün-Schwarz plant eine stärkere und frühzeitigere Bürgerbeteiligung beim
Wohnungsbau und in der Verkehrspolitik. Was aber, wenn sich der ,Bürgerwille‘
gegen Wohnbauprojekte oder verkehrsberuhigende Maßnahmen stellt?
Husen: Bei bestimmten Sachen kann es nicht darum gehen, das ,ob‘ zu diskutieren, sondern nur das ,wie‘. Das gilt insbesondere, wenn eine Maßnahme sehr viele Menschen betrifft. Je kleinteiliger es wird und je klarer ist, wer genau betroffen ist, umso mehr kann ich damit leben, wenn Anwohner keinen Wendehammer in ihrer Straße wollen. Wenn die Menschen allerdings keinen Alternativplan haben, dann ändert sich in dieser Straße auch nichts.

NW: Was können speziell Lokstedt, Niendorf und Schnelsen von Ihnen erwarten?
Es gibt Unmut und Kritik: Die Streckenführung der Veloroute 3, zu wenige und zu
teure Wohnungen, zu wenig Parkraum beim Wohnungsneubau, zu viele versiegelte
Flächen, schlecht gepflegte Straßengräben… Wie werden Sie diese Themen angehen?
Husen: Ich bin ein großer Freund von Tiefgaragen. Hier wird das Bezirksamt künftig öfter den Bedarf bei Wohnungsneubau prüfen. Im öffentlichen Raum kann es keine weiteren Parkplätze geben, es ist alles voll. Auch wird der eine oder andere Parkplatz für neue Bäume weichen müssen. Prinzipiell fühle ich mich dem Koalitionsvertrag sehr verpflichtet und der fordert weniger Versiegelung und mehr Grün. Bei anderen Themen, wie etwa Straßengräben, werde ich mich einarbeiten.

NW: Werden Sie als Bezirksamtsleiterin alle Stadtteile besuchen und sich den Menschen vorstellen?
Husen: Natürlich. Im Koalitionsvertrag werden viele Straßen und Plätze im Bezirk benannt und ich habe den Ehrgeiz, möglichst viele davon anzuschauen. Auch, um ein Gespür zu bekommen, wo im Einzelfall das Problem liegt.

NW: Planen Sie als Bezirksamtsleiterin eine Art regelmäßige Bürgersprechstunde?
Husen: Eine Form der offenen Sprechstunde wird es auf jeden Fall geben. Ich möchte auch versuchen für Menschen, denen der Gang ins Amt oder direkter Kontakt schwerfällt, erreichbar zu sein. Das kann über Twitter sein, aber auch über Verbände und Vereine in den Stadtteilen.

Vita Katja Husen
Geburtsjahr: 1976
Geburtsort: Istanbul
Ausbildung: Diplom-Biologin
Politische Laufbahn: Bundesvorstand der Grünen (2002-2006),
Hamburgische Bürgerschaft (2004-2008)

Berufliche Laufbahn: Seit 2008 am UKE, mittlerweile
als
kaufmännische Leiterin eines Forschungs-
zentrums (ZMNH) und der Zahnklinik

 

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