4,3 Prozent der Wohnungslosen in Hamburg verkaufen das Obdachlosenmagazin Hinz&Kunzt Foto: cc

Obdachlosen spenden –
aber wie?

Menschen einfach auf Augenhöhe
begegnen - auch beim Geben

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Im November vergangenen Jahres ist die Obdachlose
Joanna auf einer Parkbank in Niendorf verstorben.
Viele Niendorfer hat dieser Vorfall geschockt. Das
Hinwegsehen ist seitdem nicht mehr so einfach. Es ist
ein komisches Gefühl. Man möchte helfen! Aber wie?

Viele kennen das: Da sitzt eine Bedürftige oder ein Wohnungsloser in der Fußgängerzone oder vorm Supermarkt und prompt taucht diese Stimme im Kopf auf: „Ich würde ja gern etwas geben…. ABER… wenn ich nur ein paar Cent gebe ist das doch peinlich“ oder „Ich kann doch nicht allen etwas geben“ oder „Der kauft sich von dem Geld sowieso bloß Alkohol“. Richtig Geben ist also gar nicht so einfach. Wie viel soll ich geben und wie? Das Niendorfer Wochenblatt hat nachgefragt.

Vor dem Supermarkt in der Kollaustraße in Niendorf steht Sonja. Sie verdient sich mit dem Verkauf des Obdachlosenmagazins Hinz&Kunzt zur geringen Rente etwas Geld dazu. Arbeiten darf sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Seit vier Jahren sitzt sie meist vormittags hier und freut sich über jede Gabe. „Manche bringen Berliner mit oder Kaffee, aber ich habe eine Unverträglichkeit und darf gar keinen Kaffee trinken“ erzählt sie. Am meisten freut sie sich deshalb über Geld, auch über kleinste Münzen. „Da kommen auch manche mit Cent-Münzen. Die sammele ich gerne und kaufe dann neue Hefte davon“, grinst Sonja.

Und wie viel?

„Wichtig ist es, dass man nur so viel gibt, wie es einem selbst nicht weh tut. Dann macht man sich auch keine Gedanken darüber, ob sich der Empfänger womöglich ‚das Falsche‘ mit dem Geld kauft“, sagt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter und politischer Sprecher bei Hinz&Kunzt. Kein Geld zu geben wegen des Arguments ‚Kauft sich sowieso nur Schnaps‘ findet er schade: „Es kann ohne Weiteres sein, dass sich der Wohnungslose Alkohol davon kauft. Oder auch Drogen. Wenn er süchtig ist, wird er sich sonst anderweitig das Geld besorgen und wird kriminell“ erläutert der Sozialarbeiter. „Ein paar Cents tun aber nicht weh, und wir geben ja auch Geld um den Menschen eine Freude zu machen. Und: uns fragt ja auch keiner, wofür wir unser Geld ausgeben!“

» Besser ist es immer zu fragen.
Was brauchen sie? «
Stephan Karrenbauer–

Bleibt die Frage nach den Sachspenden: Morgens ein Butterbrot zusätzlich schmieren und dem Bittenden in der U-Bahn geben oder einen Becher Kaffee mitbringen? „Gute Sache, aber nicht immer hundertprozentig richtig“, meint Karrenbauer. „Besser ist es immer zu fragen. ‚Was brauchen sie? Kann ich ihnen etwas mitbringen?‘ – Wir hatten mal einen Verkäufer, der neben einer Eisdiele stand. Nach kurzer Zeit hat er um einen anderen Standort gebeten. Innerhalb von wenigen Stunden hatten ihm die Menschen zehn Kugeln Eis spendiert. Er konnte nicht mehr und wollte auf keinen Fall unhöflich sein und das Eis ablehnen.“

Generell immer ansprechen – ist der Rat, den Karrenbauer jedem gibt, der vielleicht etwas geben möchte, sich aber aus dem einen oder anderen Grund nicht traut.

Manche Bettler geben auch „Bestellungen“ auf. „Bring mal ne Tüte Chips mit“ ruft eine. „Ich bin dafür lieber Geld zu geben, als Chips zu holen. Das ist erwachsener, das ist auf Augenhöhe“ so Karrenbauer. „Und ist es nicht immer schöner, sich mit Geld selbst etwas zu
kaufen?“ cc

Das sagt eine aktuelle Studie

Nicht jeder Obdachlose bettelt. Knapp jeder dritte Obdachlose lebt von Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld II, Rente oder Sozialhilfe. Im März 2018 waren 1910 Obdachlose in Hamburg im Auftrag der Hamburger Sozialbehörde zu ihrer Situation befragt worden. Einige Ergebnisse der Studie: Viele, insbesondere nicht deutsche Obdachlose, leben demnach vom Flaschensammeln (15,2 Prozent) oder Betteln (9,3 Prozent). 11,7 Prozent gaben als Haupteinkommensquelle Arbeitslohn an, darunter auch Gelgenheitsjobs und Schwarzarbeit (7,1 Prozent). 4,3 Prozent verkaufen Hinz&Kunzt. Über gar kein Einkommen verfügen 14,3 Prozent. Die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (AGFW) spricht deshalb von einer „besorgniserregenden Unterversorgung“ der Obdachlosen. Wohnungslose in Unterkünften leben zum Großteil von Sozialleistungen (73,7 Prozent) oder von Arbeitslohn (18,4 Prozent). Auf Hamburg.de kann die Studie unter den Suchworten Obdachlosigkeit und Publikation gefunden und heruntergeladen werden.

 

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