Logopädinnen mit eigener Praxis: Anja Georgi und Antje Voß (v.li.) kämpfen für ihre berufliche Zukunft Fotos: kk

Logopädinnen mit eigener Praxis: Anja Georgi und Antje Voß (v.li.) kämpfen für ihre berufliche Zukunft Fotos: kk

Wir mussten erst lernen sehr laut zu sein

Denn der Fachkräftemangel ist in der Logopädie längst angekommen

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In Hamburg müssen Gesundheitsfachkräfte wie Ergo- und Physiotherapeuten sowie Logopäden ihre Ausbildung in Zukunft nicht mehr selbst bezahlen – ein wichtiger Schritt für die Zukunft dieser Heilberufe und deshalb auch das Titelthema des Niendorfer Wochenblatts vom 16. Januar. Den Logopäden, die bereits mitten im Berufsleben stehen, ist damit nur bedingt geholfen. Einblicke, wie dramatisch ihre Lage tatsächlich schon ist und Anregungen, was sich dringend ändern müsste, geben die Schnelsener Logopädin und Praxisinhaberin Anja Georgi und ihre Kollegin Antje Voß, die sich im Deutschen Bundesverband für Logopädie (dbl-ev) engagiert, im Gespräch mit Redakteurin Kirsa Kleist.

Niendorfer Wochenblatt: Womit haben Sie als Logopädinnen mit eigener Praxis derzeit besonders zu kämpfen?

Anja Georgi: Seit einigen Jahren ist es extrem schwer, neue Mitarbeiter zu finden. Nicht nur dass insgesamt weniger Menschen diesen Beruf wählen. Die Ansprüche haben sich auch verändert. Was gut ist! Logopäden sind ausgebildete Fachkräfte mit viel Verantwortung. Sie wollen und sollen weit mehr als 2000 Euro für eine Vollzeitstelle bekommen.

Doch ich bin an Kassenleistungen gebunden. Das heißt, wenn ich angemessene Gehälter zahlen möchte, muss ich woanders etwas wegnehmen. Ganz konkret: Jetzt kommt keine Putzkraft mehr. Auch die Bürokraft muss reduzieren. Diese Aufgaben übernehme ich zusätzlich zu meiner Vollzeitstelle.

Antje Voß: Durch die Ganztagsbeschulung konzentriert sich die Arbeit sehr auf den Nachmittag. Für viele potenzielle Mitarbeiter ist das unattraktiv. Auf Nachmittagsplätze warten Patienten in vielen Hamburger Praxen bis zu neun Monate.

NW: Welche Folgen hat diese lange Wartezeit aus therapeutischer Sicht?  

Georgi: Es ist für uns und natürlich für die Patienten schwer, wenn sie ihr Störungsbild lange mit sich herumtragen. Sprachentwicklungsgestörte Kinder etwa, die sehr früh zu uns kommen, begleiten wir nur eine kurze Zeit. Müssen diese Kinder zunächst lange warten, behandeln wir sie teilweise über Jahre.

NW: Gibt es weitere Schwierigkeiten, mit denen Sie bei der Ausübung Ihres Berufs zu tun haben?

Voß: Was Praxisinhaber außerdem belastet, ist die extrem hohe Bürokratie für die Abrechnungen.

Georgi: Diese Zeit geht den Menschen verloren, die Logopäden brauchen. Das Berufsbild hat sich schon sehr verändert. Dennoch sage ich, wenn ich an der Berufsfachschule unterrichte, guten Gewissens: Dieser Beruf ist die richtige Wahl. Wenn ein Patient, der nicht mehr schlucken konnte, mir von seinem ersten Löffel Pudding berichtet, weiß ich: Das, was ich da mache, ist das, was ich machen will. Es ist das Drumherum, was es so schwer macht. Nur durchzuhalten, um Logopädin sein zu können – das will ich nicht.

NW: Geht es Ihres Wissens vielen Logopäden so?

Voß: Die Praxisinhaber tragen schon seit Jahren eine enorme Last. Ihr eigener Lohn ist immer weiter zurückgegangen, sodass sie mittlerweile kaum noch mehr verdienen als ihre Mitarbeiter – obwohl sie das ganze wirtschaftliche Risiko tragen. Inzwischen wurde ein Punkt überschritten, weil die meisten Logopäden – ob angestellt oder selbstständig – nicht mehr in der Lage sind, für ihr eigenes Alter vorzusorgen. Auch dass Therapeuten selbst eigentlich nie krank werden dürfen, bringt sie an ihr psychisches und physisches

Limit. Unsere Berufsgruppe musste erst lernen, dass sehr, sehr laut sein notwendig ist, um in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Was wir ganz dringend brauchen, ist neben einer Lohnanpassung vor allem die Akademisierung. Noch ist es so: Wir arbeiten, entwickeln Expertisen und eigene Therapieprogramme. Aber wir können ohne akademische Ausbildung kaum evaluieren, das heißt, die eigene Profession auch qualitativ weiterentwickeln. In ganz Europa werden Logopädinnen an Hochschulen ausgebildet. Nur hier in Deutschland enthält man uns eine akademische Ausbildung vor. Und dies, obwohl die allermeisten von uns eine Hochschulzugangsberechtigung haben.

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NW: Inwieweit können Sie selbst in die Zukunft Ihrer Praxen investieren?

Georgi: Das Einzige, woran ich nicht spare, sind Fortbildungen. Finanziell lohnen sie sich nicht: Die Krankenkassen zahlen für erfahrene Logopäden genauso viel wie für Berufsanfänger. Ebenso wird jede Sitzung gleich vergütet, egal, ob wir ein Kind mit leichtem Lispeln oder einen schwer betroffenen Schluckpatienten behandeln.

Voß: Man kann sich natürlich auch fragen, ob einzelne Praxen das richtige Modell sind. Aber momentan sind sie das gelebte Modell. Und das Schöne daran ist die Versorgung vor Ort! Allerdings überlegen viele Logopäden aufzuhören. Nicht nur in Hamburg gibt es bereits Praxen, die schließen. Teilweise werden sie als Ein-Frau-Privatpraxen wiedereröffnet, was die Versorgung von Kassenpatienten weiter erschwert.

NW: Läuft es irgendwann vielleicht darauf hinaus, dass Kassenpatienten logopädische Behandlungen selbst bezahlen müssen?

Georgi: Ich behandle gesetzlich versicherte und Privatpatienten und habe ein moralisches Problem damit, Unterschiede zu machen, weil die Behandlung von Privatpatienten besser bezahlt ist. Wer betroffen ist, muss versorgt werden.

Es kann nicht sein, dass ein Sohn bei mir anruft und fragt, was er bezahlen müsste, damit ich seine Mutter behandele. Aber es ist schon passiert.

Voß: In diese Richtung sollte sich unsere Gesellschaft nicht entwickeln. Deshalb darf es nicht sein, dass Praxen, um ihre Existenz zu sichern, auf Privatleistungen angewiesen sind, weil sie dann deutlich mehr bekommen. Die gesetzlichen Krankenkassen haben lange zu wenig Verantwortung übernommen.

NW: Was können Patienten machen, wenn Sie partout keinen Logopädie-Termin bekommen?

Georgi: Patienten, die sich mit ihrem Leidensdruck an uns wenden, versuchen wir nicht nur zu erklären, warum wir sie noch nicht behandeln können. Wir raten ihnen auch, sich auf möglichst viele Wartelisten setzen zu lassen. Was sie selbst noch tun können, ist, ihre Not kundzutun: dem überweisenden Arzt und ihrer Kranken-
kasse, eventuell auch online unter www.patien ten-am-limit.de  kk

 

Logopädie – eigentlich ein Beruf mit Zukunft

Seit 1974 übernehmen Krankenkassen logopädische Leistungen. Logopäden erkennen und behandeln Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Mit dem gesellschaftlichen Wandel nimmt ihre Bedeutung noch weiter zu. Ihr durchschnittlicher Verdienst liegt bei 2000 Euro brutto.

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