Viele Fachkräfte im Gesundheitswesen müssen für ihre Ausbildung derzeit noch selbst in die Tasche greifen Foto: fotolia

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Ausbildung zu teuer?

Hamburgs Therapeuten fordern Schulgeld

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Die hohen Kosten für die Ausbildung zum Physio- und Ergotherapeuten sowie zum Logopäden sollen ab April von der Stadt Hamburg bezahlt werden. Die Abschaffung des Schulgelds ist eine Reaktion auf den Fachkräftemangel in den Gesundheitsberufen, von dem auch Praxen in unseren Stadtteilen betroffen sind.

Beinahe vier Jahre hat Karina Wagner einen Physiotherapeuten für ihre Praxis am Niendorfer Marktplatz gesucht und für Stellenanzeigen viel Geld ausgegeben. Zwar ist die Stelle nun besetzt, da eine Kollegin jedoch bald in den Mutterschutz geht, beginnt die Suche von vorn. „Wir sind derzeit zu dritt, ich müsste eigentlich zusätzlich noch eine Vollzeitstelle besetzen und jemanden einstellen, der Hausbesuche übernimmt“, erzählt die Physiotherapeutin.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung, meint die Niendorfer Physiotherapeutin Karina Wagner zur Abschaffung des Schulgelds Foto: kh

Ein erster Schritt in die richtige Richtung, meint die Niendorfer Physiotherapeutin Karina Wagner zur Abschaffung des Schulgelds Foto: kh

Dieses Beispiel stellt keinen Einzelfall dar: Der Fachkräftemangel betrifft die gesamte Branche. Ein Grund dafür ist, neben den geringen Verdienstmöglichkeiten, auf das hohe Schulgeld zurückzuführen, das angehende Therapeuten bezahlen müssen. Für die dreijährige Ausbildung entstehen teilweise private Kosten in Höhe von rund 15 000 Euro. „Um in Hamburg auch in Zukunft genügend Fachkräfte in den Gesundheitsfachberufen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie auszubilden, ist es Ziel des Senats, die Ausbildung in diesen Berufen ab April schulgeldfrei auszugestalten“, erklärt Roland Ahrendt, Sprecher der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz: „Wir haben uns zudem dafür eingesetzt, Ausbildungsplätze an privaten Schulen durch Angliederung an Krankenhäuser in die Finanzierung nach dem Krankenhausgesetz zu überführen, um dadurch Schulgeldfreiheit zu erreichen.“ Weitere Details eines möglichen Landesförderprogramms werden gerade erarbeitet.

Personalmangel

„Ein positiver erster Schritt“, freut sich Karina Wagner, „auch um die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam zu machen. Bislang reagieren viele Patienten, die wir aus Personalmangel ablehnen müssen, mit Unverständnis.“ Die Neuregelung sei ihrer Meinung nach aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Bis die ersten Physiotherapeuten schulgeldfrei ausgebildet sind, vergehen mindestens drei Jahre, so dass nur langfristig eine Entspannung eintreten kann“, befürchtet die Physiotherapeutin. Weitere Anreize seien zudem unabdingbar. Dazu gehöre, wie in jedem anderen Lehrberuf, auch eine Vergütung, welche angehende Therapeuten aktuell nicht erhalten.

„Das Bundesgesundheitsministerium erarbeitet derzeit für alle Gesundheitsfachberufe ein Gesamtkonzept, zu dem neben der Schulgeldreform auch eine Ausbildungsvergütung gehören soll“, betont Ahrendt. Dieses Konzept auf Bundesebene habe oberste Priorität. Da sich die Umsetzung aber verzögert, strebt Hamburg übergangsweise eine eigene Lösung an. Nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Dynamik mit der Ankündigung Schleswig-Holsteins, das Schulgeld abzuschaffen, haben die Koalitionsfraktionen einen entsprechenden Antrag in die Bürgerschaft eingebracht.

Leere Logopädiepraxis

„Ich freue mich, dass der Stein endlich ins Rollen kommt“, meint auch Claudia Werner. In ihrer Logopädie-Praxis am Schippelsweg hat sie selbst die leidvolle Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, ausgebildete Sprachtherapeuten zu finden. Nach über zweijähriger Suche, zeitweise mit Minimalbesetzung, und langen Wartezeiten für die Patienten, arbeiten aktuell drei Logopädinnen bei ihr, darunter auch Thora Engelmann als Werkstudentin. Für ihre dreijährige Ausbildung hat sie monatlich 200 Euro gezahlt. Das daran anschließende Vollzeitstudium kostet aktuell 430 Euro pro Monat. „Würden meine Eltern mich nicht finanziell unterstützen, hätte ich einen anderen Beruf erlernt“, gibt die 24-Jährige zu.

„Bei einem zunehmenden Bedarf und der wachsenden Bedeutung, die therapeutische Berufe heute haben“, betont Claudia Werner, „darf es bei motivierten Menschen nicht am Schulgeld scheitern.“ Karina Wagner sieht das genauso: „Das wäre auch zu schade, unsere Arbeit ist so abwechslungsreich, mit spürbaren Erfolgserlebnissen verbunden und dazu eine Tätigkeit mit Zukunft.“ kh

Fachkräftemangel in den Gesundheitsberufen

Die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit (Stand Juni 2018) bescheinigt einen Fachkräftemangel in der Berufsgruppe „Nicht ärztliche Therapie und Heilkunde“ speziell für Physio- und Sprachtherapeuten.

In Hamburg wurden für diese Berufsgruppe im Jahr 2018 insgesamt 1 839 freie Stellen gemeldet, die im Durchschnitt 100 Tage unbesetzt blieben. Damit liegt die Hansestadt unter dem Bundesdurchschnitt mit 157 Vakanztagen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Tendenz jeweils leicht steigend.

Freie Stellen müssen der Arbeitsagentur jedoch nicht gemeldet werden, so dass der tatsächliche Bedarf höher sein kann beziehungsweise ist.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit und Agentur für Arbeit Hamburg

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