Am 28. Oktober ist auf einer der Bänke am süd- westlichen Ende des Tibargs eine Obdachlose erfroren Foto: cc

Am 28. Oktober ist auf einer der Bänke am süd- westlichen Ende des Tibargs eine Obdachlose erfroren Foto: cc

Trauer um erfrorene Joanna

Obdachlose Hinz&Kunzt-Verkäuferin starb auf Niendorfer Parkbank

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An einem Ort, an dem vormittags Mütter ihre Kinderwagen vor sich her schieben, mittags ältere Herrschaften sich einen Moment auf einer Bank ausruhen oder nachmittags Kinder fröhlich entlang hüpfen, denkt niemand an den Tod. Und doch ist genau hier am 28. Oktober auf einer der Bänke am süd- westlichen Ende des Tibargs eine Obdachlose erfroren.

An der Seite von ihrem Lebensgefährten ist die 43-jährige Joanna vermutlich an Unterkühlung gestorben. Im wahrsten Sinne über Nacht waren die Temperaturen auf frostige zwei Grad gefallen und forderten das erste Kälteopfer des Jahres. Die Polin soll körperlich angeschlagen gewesen sein. Joanna trank, um sich immer mal wieder von ihrem schmerzvollen Leben zu befreien. „Es ging ihr nicht um den Spaßfaktor. Es ging darum den Schmerz endlich mal für eine kurze Zeit los zu werden“, erklärt ihre Freundin und Vertraute Bettina Lindlar, die mit ihrer Familie in Lokstedt lebt.

Sie kannte Joanna und ihre Lebensgeschichte seit vier Jahren. „Joanna war bekannt im Viertel. Sie verkaufte die Obdachlosenzeitung Hinz&Kunzt vor dem Aldi Markt in der Grelckstraße.“ Wie auch ihr Lebensgefährte und Landsmann Robert, der vor Rewe in Lokstedt die Zeitungen verkauft. Übernachtet haben die beiden oft in Niendorf auf einer der Bänke am Tibarg. Möglichst unsichtbar wollten sie sich machen und vor allem nicht auffallen. Zu groß sei das ständige Risiko gewesen, ausgeraubt oder überfallen zu werden.

Mit den Worten „Joanna kaputt“ stand Robert am Sonntag, 28. Oktober, vor Bettina Lindlars Haustür in Lokstedt. Nachdem er seine leblose Freundin am Morgen im Schlafsack neben sich gefunden hatte und eine Passantin den Krankenwagen alarmierte, konnte er für seine „Anna“, so nannte er Joanna, nichts mehr tun.

Im Krankenhaus verstarb die 43-Jährige nach Angaben der Ärzte an Unterkühlung. Die endgültige Todesursache stand nach Aussage der Staatsanwaltschaft noch nicht fest. Der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizinischen Abteilung lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor. „Der Tod einer erst 43-jährigen Obdachlosen muss ein Weckruf sein“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter und -Sprecher Stephan Karrenbauer. Und er mahnt: „Es darf nicht sein, dass Menschen in Hamburg verelenden und keine Hilfe erhalten.“

Trauer um die obdachlose JoannaFoto: privat

Trauer um die obdachlose Joanna Foto: privat

„Sie wollte leben…“

Seit vier Jahren kannten sich die obdachlose Polin Joanna und die Lokstedterin Bettina Lindlar. „Einmal waren Joanna und ihr Lebensgefährte Robert nach der Arbeit auf dem Weg zur U-Bahn“, erzählt die 53-jährige Lokstedterin. „Joanna war schwer krank, alkoholkrank, und manchmal sehr laut und sie schimpfte mit ihrem Freund.“

Lindlar habe die beiden dann angesprochen und zu sich eingeladen, um die Situation ein wenig zu entschärfen. Sie haben gemeinsam Tee getrunken und sich angefreundet. Auch der Ehemann und die Tochter seien später mit von der Partie gewesen. „Eine Zeit lang haben die beiden auch bei uns gewohnt. Einzige Bedingung: kein harter Alkohol wie Wodka oder dergleichen. Das war eine gute Zeit, Joanna trank auch deutlich weniger“, so Bettina Lindlar. „Doch dann waren auf einmal wieder zwei Flaschen Wodka da und ich musste ‚das Experiment‘ beenden“, erzählt die Lokstedterin. Das Problem sei die fehlende Unterstützung gewesen.

„Joanna war die Organisatorin, sie wusste wo das Arzt- oder Zahnarztmobil war. Sie wusste wo es passende Schuhe für den Winter gab, sie wusste, wo Waschartikel zu bekommen waren“, beschreibt Lindlar ihre verstorbene Freundin. „Joanna wollte unbedingt eine Therapie machen. Entzüge hatte sie zahlreiche. Zehn Tage Ochsenzoll und dann wieder zurück auf die Straße. Das ging nie gut.“ Gefehlt habe ein Platz in einer Langzeittherapie. „Wenn sie die bekommen hätte, dann würde sie heute noch leben. Sie hat darum gebettelt. Sie wollte leben, ja, sie wollte auf alle Fälle leben“. cc

Info

Beerdigt wird Joanna kollektiv mit anderen Obdachlosen anonym auf dem Öjendorfer Friedhof. Wann und wo genau wird nicht bekannt gegeben. Am 25. November, am Totensonntag, veranstaltet das Projekt und Straßenmagazin Hinz&Kunzt einen Gedenkgottesdienst. Dabei wird gemeinsam an die in diesem Jahr verstorbenen Verkäufer gedacht. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Feierhalle Nord auf dem Öjendorfer Friedhof.

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