eSports – Sport oder kein Sport? Teil 2

Das sagen aktive e-Sportler und Experten zum Wettkampf in Videospielen

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Zwischen Hochleistungssport und Freizeit-Gaming: Über eSports, also den Wettkampf in Videospielen, wird kontrovers diskutiert. Im Niendorfer Wochenblatt am 11. April kamen Vereine, Verbände und Politik zu Wort, heute kommen aktive e-Sportler sowie Experten zu Wort. 

 

 

Als Spieler der 1. Herren beim Niendorfer TSV stehen Tarek Abdalla (21) und Nico Kukuk (20) momentan auf Platz 3 in der Hamburger Oberliga. Hamburger Meister wurden die beiden aber beim virtuellen Fußball. Ende 2017 wiesen sie die Konkurrenz vom Lemsahler SV im Finale der Hamburger FIFA18 eSports Meisterschaften in die Schranken.

 

Niendorfer Wochenblatt: Wie geht es im eSports nach dem Sieg bei den Hamburger Meisterschaften für Euch weiter? Stichwort Virtuelle Bundesliga, FIFA eWorldcup 2018.

Tarek Abdalla: Die Qualifikation für die virtuelle Bundesliga haben wir in diesem Jahr nicht erreicht, weil einfach die Zeit fehlt um regelmäßig zu zocken. Wann genau das nächste Turnier ansteht, kann ich nicht sagen, wir halten unsere Augen immer offen und wenn es zeitlich passt, sind wir natürlich dabei. Spätestens zur nächsten Hamburger Meisterschaft geht es wieder offiziell an den Controller.

 

Niendorfer Wochenblatt:

Immer mehr Fußball Bundesligisten steigen ins eSports Business ein, in den USA und Asien werden Preisgelder in Millionenhöhe gezahlt. Ist ein Profivertrag im eSports ein Ziel für Euch?

Tarek Abdalla:

Als Ziel würde ich einen Profivertrag nicht unbedingt bezeichnen. Es ist immer noch ein Hobby und wir machen es, weil wir Spaß haben und gut sind. Wenn sich natürlich etwas in die Richtung ergeben sollte, dann wäre ich der Letzte, der das nicht überdenken würde. Mein Studienabschluss steht für mich allerdings momentan an erster Stelle.

 

Niendorfer Wochenblatt:

Welche Rolle spielen der Niendorfer TSV und der Hamburger Fußballverband für Euch in Sachen eSports?

Tarek Abdalla: Der Niendorfer TSV plant derzeit eine Kooperation mit dem Hamburger Fußballverband. Gemeinsam mit acht Hamburger Vereinen ist das mittelfristige Ziel, eine Hamburger eSports-Liga zu gründen um eSports in den Amateurvereinen und in Hamburg zu etablieren. Momentan befinden wir uns im Austausch mit dem NTSV über eine mögliche eSports-Abteilung. Bisher koordinieren wir noch alles privat.

 

Niendorfer Wochenblatt:

Ihr habt den direkten Vergleich aktiver Fußball und FIFA18 eSports. Ist eSports für Euch Sport? Warum?

Nico Kukuk: Ein Sport ist es auf jeden Fall.Zwar fehlt die aktive Bewegung aber die Spieler im eSports müssen mental sehr stark und sehr konzentriert beim Spielen sein. Auch dass die eSportler wirklich dafür trainieren spricht für mich dafür, dass es ein Sport ist.

 

Niendorfer Wochenblatt:

Wie seht Ihr die Zukunft des eSports?

Nico Kukuk: Es wird natürlich einen riesigen Aufschwung geben. Immer mehr Vereine gründen eSports Abteilungen und es wird immer mehr Geld gezahlt. Gut vorstellbar, dass es in einigen Jahren richtige Ligen, Stadtmeisterschaften und deutsche Meisterschaften geben wird, bei denen nur Leute teilnehmen dürfen die Mitglied eines eSport-Vereins sind.

 

Neben der Beherrschung des eigentlichen Computerspiels benötigen eSportler auch motorische und geistige Fähigkeiten wie Hand-Augen-Koordination, Reaktionsgeschwindigkeit, Durchhaltevermögen, räumliches Orientierungsvermögen, Spielübersicht, taktische Ausrichtung oder vorausschauendes Denken um im Wettkampf erfolgreich zu sein. Die Expertenmeinungen ob dies zur Klassifizierung „Sport“ ausreicht, gehen auseinander. Das Wochenblatt hat nachgefragt bei Armin Klausmann, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sportpsychologen, und bei Heike Henkel, Olympiasiegerin im Hochsprung, Buchautorin und Mentaltrainerin.

 

Niendorfer Wochenblatt:

 eSports – Sport oder kein Sport? Wie steht es mit der Suchtgefährdung und wie beurteilen Sie eSports aus ethisch- moralischer Sicht? Und: Sollte eSports in Vereinsstrukturen integriert werden?

 

Armin Klausmann: Politisch betrachtet, dürfte die Frage mit Blick auf die gegenwärtige Koalitionsvereinbarung beantwortet sein. Mit Blick auf die Inhalte der Spiele, die momentan zu den beliebtesten im eSports zählen, verbietet sich für mich als Sportler ein Vergleich von eSports mit regulären Sportarten. Aus sportpsychologischer Sicht hingegen rückt die Frage der Definition etwas in den Hintergrund. Untersuchungen belegen, dass sich verschiedene sportlertypische somatische und psychische Belastungen, wie zum Beispiel die körperliche Anspannung und nervliche Beanspruchungen, genauso bei eSports zeigen.  Gerade die professionellen eSportler nehmen deshalb vereinzelt auch schon sportpsychologische Betreuung in Anspruch. Eine Suchtgefährdung bei eSports ist meines Erachtens  nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern relativ hoch, unabhängig von einer Einbindung in Vereinsstrukturen. Hierbei nehme ich auch Bezug zur WHO,  Gaming Disorder als Krankheit anzuerkennen. Auch bei eSports gilt, Training und Übung schlägt Talent. Das heißt, die Trainingsdauer ist mit ursächlich für den Erfolg. Hinzu kommt die mitreißende Dynamik aus dem scheinbar unaufhaltbaren Boom und der wachsenden Kommerzialisierung, sowie die ständig größer werdende Konkurrenz. All diese Punkte führen letztlich zu einer exorbitanten Mediennutzung, was dann immer auch ein hohes Suchtpotential birgt. Aus moralisch-ethischer Sicht habe ich persönlich für eine Art „sportlicher“ Unterhaltung oder Ertüchtigung mit militanten, aggressiven, martialischen Spielen oder Spielzielen kein Verständnis.

 

Heike Henkel: Wenn man Sport mit körperlicher Betätigung in Verbindung bringt, nein. Aber Sport ist ja weitaus mehr als nur körperliche Betätigung. Der mentale Bereich spielt in jeder Sportart eine wichtige Rolle. Nur dass im eSports der Schwerpunkt im mentalen Bereich liegt und bei den üblichen Sportarten eben mehr auf dem körperlichen Einsatz. eSports gehört also genauso dazu wie Billard, Schach und Dart. Da es für das Gaming keine Regulation, wie bei anderen Suchtmitteln wie Zigaretten, Alkohol oder Spielen in Casinos oder Spielhallen gibt, sehe ich bei der Einbettung in Vereinsstrukturen eine Chance, die Suchtgefahr von Computerspielen mit eSports kontrolliert zu begleiten, um so einen positiven Einfluss auf die Jugendkultur zu haben. Auswüchse gibt in allen Sportarten. Doping zum Beispiel, was körperlich absolut schädlich und tödlich sein kann. Sollen wir deshalb den Sport verbieten? Ich denke nein. Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einen Missbrauch oder eine Suchtgefahr minimieren.

Interviews: Angela Preuß

 

 

 Als HSV Xbox-Spieler in der Virtuellen Bundesliga und im März 2018 erstmals am Start bei den Deutschen Meisterschaften: Marvin Schmidt-Tychsen (li.), an seiner Seite FIFA-Profi Daniel Tissarek (re.) an der Playstation. Der HSV hat die Teilnahme zunächst nur als „Testballon“ gestartet, reiht sich damit aber in die internationale und nationale Riege von Top-Vereinen ein, die bereits eigene eSports Teams haben: Galatasaray, Paris Saint-Germain, Manchester- City, 1. FC Nürnberg, FC Schalke 04, VfB Stuttgart, VFL Bochum, RB Leipzig oder VfL Wolfsburg. Foto : HSV

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