eSports – Sport oder kein Sport?

Trotz Millionenpreisen bei Turnieren in Hamburg noch ein Schattendasein

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Zwischen Hochleistungssport und Freizeit-Gaming: Kontroverse Debatten um das Phänomen eSports in Vereinen, Verbänden und Politik

 

Was Mitte der 90er Jahre mit vernetzten Computern auf LAN-Partys in kleineren Hallen begann, hat sich seit den 2000er Jahren mit dem Ausbau des weltweiten Internets zu einem gigantischen Boom gemausert: In Seoul (Südkorea) wurden im Jahr 2000 die ersten World Cyber Games ausgetragen. Drei Jahre später kämpften die Spieler im französischen Poitiers um den ersten Electronic Sports World Cup. Beide Turniere haben im eSports den Stellenwert von Olympischen Spielen. Mit einem Preisgeld von über einer Million und kumulierten Spielergehältern von über fünf Millionen US-Dollar war die Weltmeisterschaft der Championship Gaming Series 2007 das bisher höchst dotierte Turnier im Bereich eSports. Alles ganz weit weg? Weit gefehlt: eSports ist längst fester Bestandteil der Jugendkultur und nimmt im Freizeitbudget vieler Jugendlicher und junger Erwachsener regelmäßig Zeit ein (s. Interviews). In Deutschland spielen Schätzungen zufolge bis zu vier Millionen Menschen Online Games. Einer von ihnen, der Berliner „Dota 2“- Spieler Kuro Salehi Takhasomi, gewann jüngst mit seinem Team Liquid in den USA ein Preisgeld in Millionenhöhe.

Turniere füllen Konzerthallen

eSports Turniere und Messen haben mittlerweile den Charakter von Rockkonzerten. eSports ist schnell, kurzlebig und direkt. Viel Kommunikation zwischen Teams, Spielern oder Fans findet über soziale Netzwerke statt, Live-Übertragungen hierzulande fast nur über Internet-Plattformen.

Bislang dringt von dieser Welt nicht viel nach außen – obwohl Events wie das „Dota 2“ der Electronic Sports League  im Oktober 2017 gut 10 000 Menschen in die Hamburger Barclaycard-Arena lockte. Auf Einladung der Hamburger Sportjugend (HSJ) waren auch Mitglieder des Sportausschusses der Hamburgischen Bürgerschaft sowie Vertreter des Hamburger Sportbundes (HSB) vor Ort um die Dimension von eSports einmal live zu erleben.

Hamburger Sportjugend bekennt sich zu eSports

Freizeitspaß auf dem Sportlevel von beispielsweise Schach ist eSports für Moritz Grewe (16), der im Schnitt zwei Stunden täglich in der virutellen Welt von FIFA 18 oder Fortnite entspannt und dabei besonders den Teamaspekt schätzt. In einen Verein würde er für‘s Gaming aber nicht eintreten Fotos: ap

Freizeitspaß auf dem Sportlevel von beispielsweise Schach ist eSports für Moritz Grewe (16), der im Schnitt zwei Stunden täglich in der virutellen Welt von FIFA 18 oder Fortnite entspannt und dabei besonders den Teamaspekt schätzt. In einen Verein würde er für‘s Gaming aber nicht eintreten Fotos: ap

Die HSJ mit Geschäftsführer Daniel Knoblich bestätigt in ihrem ausführlichen Positionspapier, dass „eSports vor allem durch immer größere und professionellere Events auch medial immer mehr in den Fokus rückt.“

Nach intensiver Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Aspekten des eSports plädiert die HSJ dafür, „diejenigen eSports- Disziplinen/-Titel, die einen sehr starken Bezug zu traditionellen Sportarten haben, als Sport im rechtlichen Sinne (§§ 52 Abs. 2 Nr. 21, 67a AO) anzuerkennen.“

Im Gegensatz dazu erkennen weder der Hamburger Sportbund (HSB) noch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eSports derzeit als Sport an. Beide Institutionen setzen sich jedoch nach Aussage von Ralph Lehnert, Vorstandsvorsitzender des HSB, „intensiv mit allen Aspekten dieses Entwicklungsfeldes auseinander“.

Auch heimische Vereine zögern noch

So ist es nicht verwunderlich, dass auch die ansässigen Sportvereine wie der Niendorfer TSV (NTSV) oder der Eimsbüttler Turnverband (ETV) bisher noch keine konkreten Schritte in Richtung eSports-Abteilung unternommen haben.

Friederike van der Laan, Leiterin Kommunikation beim ETV dazu gegenüber dem Wochenblatt: „Auch für uns ist eSports seit einiger Zeit ein Thema, bisher aber noch ohne eigene Abteilung. Viele unserer Fußballer treffen sich nach dem Training in unserem Vereinsheim um zusammen insbesondere FIFA zu spielen und wir sind momentan dabei, Strukturen um die jetzt schon bestehende Spielrunde zu festigen. Die Bewegung kommt also quasi ‚von unten‘ und wir begrüßen das sehr.“

Aktiver Fußballer seit sechs Jahren und auch eSports Fan. Leon Weigele (16) macht es Spaß mit Freunden FIFA zu zocken, das gemeinsame Interesse am Fußball verbindet, außerdem ist es „spannend, ein Spiel mal aus Sicht des Trainers zu betrachten“. Spielzeit: circa jeden zweiten Tag für zwei bis drei Stunden

Aktiver Fußballer seit sechs Jahren und auch eSports Fan. Leon Weigele (16) macht es Spaß mit Freunden FIFA zu zocken, das gemeinsame Interesse am Fußball verbindet, außerdem ist es „spannend, ein Spiel mal aus Sicht des Trainers zu betrachten“. Spielzeit: circa jeden zweiten Tag für zwei bis drei Stunden

Ähnlich ist es beim NTSV, dessen zwei Fußball Oberligisten Tarek Abdalla und Nico Kukuk Ende 2017 sogar die vom Hamburger Fußball-Verband ausgetragenen Meisterschaften im FIFA 18 eSports gewonnen haben. Ein ausführliches Interview mit den beiden Hamburger eSports Meistern ist demnächst  im  Niendorfer Wochenblatt zu lesen. Außerdem, wie große Sportvereine wie der HSV oder der VfL Wolfsburg zum Thema stehen. ap

 

Was bedeutet eSports?

Electronic Sports oder kurz eSports ist der (professionelle) Wettkampf in Videospielen. In der Regel wird der Wettstreit mit Hilfe des Mehrspielermodus eines Computerspiels ausgetragen. Die Regeln werden durch die Software des Spiels und externe Wettkampfbestimmungen, wie dem Reglement des Wettkampfveranstalters, vorgegeben. eSports findet in drei unterschiedlichen Disziplinen statt: Echtzeit-Strategiespiele (z.B. Dota 2, StarCraft) , Ego-Shooter (z.B. Call of Duty) und Sportsimulationen (z.B. FIFA18). eSports wird sowohl auf Personal Computern (PC) als auch auf Spielkonsolen (Playstation (PS), Xbox) betrieben.

 

Marc Schemmel (SPD), Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und Vorsitzender des Sportausschusses

„In der Bürgerschaft haben wir uns sehr intensiv im Rahmen einer umfangreichen Expertenanhörung mit dem Phänomen eSports beschäftigt. Dabei hatten wir Experten aus dem organisierten Sport, dem professionellen eSports, der Suchtforschung oder der Games-Industrie zu Gast, die sich sehr differenziert und ausführlich ausgetauscht haben. Es gibt sicherlich einige Aspekte, die für eine Anerkennung von eSports sprechen. So weisen die kognitiven und mentalen Anforderungen – schnelle Reaktion, Antizipation und Taktik –  durchaus Parallelen zum ‚richtigen Sport‘ auf. Viele andere Länder sind bereits den Schritt der eSports-Anerkennung gegangen. So wird eSports insgesamt in über 60 Nationen von etablierten Verbänden des organisierten Sports anerkannt und teilweise auch vom Staat gefördert. Die Integration von eSports in die Strukturen des organisierten Sports könnte auch als Chance gesehen werden, um Kinder und Jugendliche weiterhin für Sportvereine und deren Angebote zu begeistern. Doch natürlich muss man sich auch über die negativen Aspekte von eSports Gedanken machen: die ausgeprägte Kommerzialisierung in diesem Bereich und die wirtschaftlichen Interessen der Rechteinhaber, die Gefahren der Computerspielsucht oder die Gewalt-Darstellungen in diversen Spielen, die dem ethisch- moralischen Anspruch des Sports zuwider laufen. Alle Blicke richten sich also nun nach Berlin. Denn im Koalitionsvertrag wurde sich auf Bundesebene vorgenommen, den „eSports als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anzuerkennen und bei der olympischen Perspektive unterstützen zu wollen“. Foto: Marc Schemmel

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