Ausbreitung Aktuell gehören der Beiersdorf AG acht Hektar Gewerbe- und Industriefläche in Lokstedt. Mit dem Kauf der Kleingartenflächen (grün markiert) kommen zwölf weitere Hektar oder knapp 17 Fußballfelder dazu Foto: Initiative Lebenswertes Lokstedt/Quelle: Google Earth

Senat verkauft Hamburger Tafelsilber

Die Wut der Eimsbütteler über den Beiersdorf-Deal wächst

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Der Verkauf von zwölf Hektar Grünfläche an Beiersdorf mitten in Lokstedt ist umstritten. Anwohner und Kleingärtner protestierten dagegen. Das Unternehmen und die Stadt hatten deshalb zu einem öffentlichen Info-Abend eingeladen.

 

 

Das Auditorium der Beiersdorf AG in der Troplowitzstraße war am Dienstag vergangener Woche voll besetzt. Gut 500 interessierte Bürger waren gekommen, um zu erfahren, was Beiersdorf mit den 12 Hektar vor hat. Auf der Bühne: Beiersdorf-Vorstand Zhengrong Liu, Staatsrat Rolf Bösinger, Bezirksamtschef Kay Gätgens und Moderator Maik Bohne. Beiersdorf habe derzeit keine Bebauungspläne sagte Liu, dies könne sogar erst in 20 Jahren aktuell sein.

Mit dem Flächenkauf sichere sich Beiersdorf zukünftige Erweiterungsmöglichkeiten. Dadurch würden rund 3700 Arbeitsplätze langfristig in Hamburg gesichert und der Konzern in Eimsbüttel gehalten, so Bösinger. Für die Kleingärtner werde sich nichts ändern. Es gebe ja derzeit nicht mal Ausgleichsflächen für die betroffenen Kleingärtner, unterstrich Gätgens.

Informationsbedarf Gut 500 Bürger waren der Einladung der Beiersdorf AG und der Stadt Hamburg in Lokstedt gefolgt, um mehr über den umstrittenen Erwerb der Kleingartenflächen durch den DAX-Konzern zu erfahren Foto: privat

Eine Bestandsgarantie hat aber keiner auf der Bühne gegeben, sagte Michael Witzorrek von der Initiative „Lebenswertes Lokstedt“. Die  Initiative wurde 2017 von Mitgliedern der drei betroffenen Vereine „Kleingartenverein Eimsbüttel“, „Wildwux“ und „Gartenfreunde Stubbenkamp“ gegründet, um den Verkauf der riesigen Grünfläche an die Beiersdorf AG zu stoppen (das Wochenblatt berichtete).

Was bei vielen Anwohnern gleich zu Beginn für Unmut sorgte, war die Mitteilung, dass der Verkauf der Kleingartenflächen gerade den Senat passiert habe und dass der NDR den Info-Abend im Auditorium nicht drehen durfte. „Das wäre doch ein Zeichen der Transparenz gewesen, wenn sich noch mehr Hamburger ein Bild über die Informationspolitik von Beiersdorf und Senat hätten machen können“, so Witzorrek. „Die Diskussion selber wollten wir – auch im Sinne der Teilnehmer – im geschützten Rahmen stattfinden lassen“, sagte eine Beiersdorf-Sprecherin auf Wochenblatt-Anfrage.

„Nicht nur wir Gartenbesitzer fühlen uns vor vollendete Tatsaschen gestellt. Auch die Menschen, die in Lokstedt leben, klagen über die mangelnde Transparenz“, so der Eindruck von Beate Meding, die in Eimsbüttel lebt und eine Parzelle im betroffenen Kleingartenverein Eimsbüttel hat.

Nachhaltig?

Der Einwand von Bezirkschef Gätgens, dass Hamburg eine wachsende Stadt sei, lässt Witzorrek nicht gelten. „In diesem speziellen Fall geht es nicht um Schaffung von Wohnraum, sondern um den gewerblichen Ausbau von Industrie auf einem riesigen Grünareal mitten in einem Wohngebiet.“ „Fragen zur Nachhaltigkeit von Beiersdorf und ob es mit dem Anspruch des Unternehmens, nachhaltig zu handeln vereinbar sei eine zwölf Hektar große Grünfläche zu versiegeln, wurden ausweichend und letztendlich unzureichend beantwortet. Das gilt auch für alle Fragen, die sich auf Naturschutz, Klima und Luftreinhaltung bezogen“, so das Fazit von Meding.

Beiersdorf sieht das anders: „Es konnten in gut zwei Stunden viele Themenkomplexe angesprochen werden und damit der größte Teil der Fragen beantwortet werden“, sagte eine Unternehmenssprecherin auf Wochenblatt-Anfrage.

„Es war ein reiner PR-Abend der Beiersdorf AG, und die Stadt zeigte sich nicht nur wirtschaftsfreundlich, sondern wirtschaftshörig,“ ärgert sich Witzorrek, der auch in Lokstedt lebt. Auch Beate Meding stimmt mit ihm überein, „dass der Senat ohne Not Hamburgs Tafelsilber aus der Hand gibt.“ Im Mai entscheidet die Hamburgische Bürgerschaft über den Kaufvertrag. Deshalb fordern Meding und Witzorrek im Vorfeld eine weitere Veranstaltung. „Doch dieses Mal auf Augenhöhe mit allen Beteiligten und einer ehrlichen Diskussion. Das bedeutet, auch Vertreter von betroffenen Anwohnern und der Initiative sitzen neben Stadt und Beiersdorf auf dem Podium“, erklärt Witzorrek. „Über mögliche zukünftige Formate zur Information und Diskussion können wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts sagen“, stellt dazu eine Unternehmenssprecherin fest. ngo

 

Infos im Web

Initiative auf Facebook: www.facebook.com/

LebenswertesLokstedt/;Petition gegen Verkauf: www.openpetition.de, Stichwort Grüne Lunge Lokstedt;

Beiersdorf-Website: www.verkauf-kleingaerten- lokstedt.de;

Kaufvertrag zwischen FHH und Beiersdorf AG: transparenz.hamburg.de, Stichwort Beiersdorf

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