Gute Freunde Peer Steinbrück (rechts) kam auf Einladung von Niels Annen nach Niendorf – und sprach dort mit dem Niendorfer Wochenblatt über die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung Foto: cs

„EU befindet sich in einer fragilen Lage“

Diskussionsveranstaltung zum Thema „Brexit“ mit Peer Steinbrück in Niendorf Nord

Archiv| Views: 151

Dass der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück (re.) ins Schwitzen kommt, ist sicherlich nicht oft der Fall. Doch für die Diskussionsveranstaltung mit dem ehemaligen SPD-Kanzlerkandidaten hat sich der Eimsbütteler Bundestagsabgeordnete Niels Annen (SPD, li.) ausgerechnet einen der heißesten Tage des Jahres ausgesucht.

 

Etwas knurrig wirkt „Klartext-Peer“ daher auch zunächst, nachdem er auf dem Podium in der Niendorfer Kursana-Residenz Platz genommen hat. Das ändert sich schlagartig, als er zu sprechen beginnt. Mit kurzweiligen Anekdoten aus der Weltpolitik, messerscharfen Analysen und kleinen Spitzen gegen führende Politiker anderer Parteien zieht er das Publikum in seinen Bann. Das Thema: Der Brexit und seine Folgen für Europa. Steinbrück stellt gleich zu Beginn seines Impulsreferats fest: Der Brexit sei zwar keine Katastrophe. „Die Europäische Union war dennoch noch nie in einer so fragilen Lage wie heute.“

Tendenzen der Renationalisierung seien nicht nur in Großbritannien, sondern überall in der EU zu beobachten. Rechtspopulisten seien in Skandinavien, Holland, Frankreich, Italien, Ungarn, Polen und nicht zuletzt mit der AfD in Deutschland auf dem Vormarsch. Aber, warnt Steinbrück, die „wirklich großen Probleme“ – Klimawandel, Jugendarbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung, Terrorismus, organisierte Kriminalität – ließen sich auf nationalstaatlicher Ebene nicht lösen. „In anderen Bereichen sollte die EU Kompetenzen zurückgeben – etwa, was die Sozialverbände, das Sparkassenwesen oder den Öffentlichen Personennahverkehr betrifft“.

Beim Brexit haben die Alten über die Zukunft der Jungen bestimmt – so sieht es auch Steinbrück. Denn Letztere hätten sich an der Volksabstimmung kaum beteiligt , erst ihre Stimme erhoben, als es bereits zu spät war. Allerdings: Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist nach Ansicht Steinbrücks nicht in Stein gemeißelt. Immerhin hätte das Land noch kein formales Austrittsgesuch gestellt – und schon 2020 ständen im Land Unterhauswahlen an. „Eine neue Regierung könnte ein erneutes Referendum zum Thema abhalten.“

Am Ende gibt es Applaus, stehende Ovationen und dutzende Selfie-Anfragen, die Steinbrück mit gewohnt knurriger Miene entgegennimmt. cs

 

Herzensangelegenheit Schmidt-Stiftung  – Steinbrück im Interview

 

Er ist der beliebtesten SPD-Politiker Deutschlands, war Kanzlerkandidat und Finanzminister. Jetzt hat der Peer Steinbrück seinen endgültigen Rückzug aus der Politik angekündigt. Mit dem Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens zur Einrichtung der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt- Stiftung sehe er seine persönliche Verpflichtung als erfüllt an, Redakteurin Christina Sluga hat bei der Diskussionsveranstaltung in Niendorf mit ihm über sein Engagement gesprochen.

 

Niendorfer Wochenblatt: Herr Steinbrück, Sie sind Kuratoriumsvorsitzender der privaten Helmut-und-Loki-Schmidt-Stiftung. Nun haben Sie die Bundeskanzler-Helmut- Schmidt-Stiftung auf den Weg gebracht. Was hat es damit auf sich?

Peer Steinbrück: Zunächst gibt es mit der Otto-von-Bismarck-Stiftung, der Stiftung Reichspräsident Friedrich Ebert-Gedenkstätte, der Stiftung Bundespräsident- Theodor-Heuss-Haus, der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer- Haus und der Bundeskanzler-Willy- Brandt-Stiftung gerade einmal fünf solcher bundesunmittelbaren Stiftungen öffentlichen Rechts. Es ist also etwas ganz Besonderes und ich bin sehr froh, dass alle Fraktionen im Bundestag der Einrichtung zugestimmt haben.

NW: Was ist das Ziel der Stiftung?

Steinbrück: Sie soll keine Denkmalsbeweihräucherung sein, denn das hätte Helmut Schmidt ganz sicher nicht gewollt. Vielmehr soll die Stiftung auch Analysen zu den wichtigen Fragen der heutigen Zeit liefern – stets unter Berücksichtigung der Impulse, die von Helmut Schmidt ausgingen. Denn was viele nicht wissen: Er war nicht nur ein ausgewiesener Experte in Sachen Außen- und Sicherheitspolitik, sondern hat sich auch mit Themen wie dem „Zusammenleben von Religionen“ oder dem Generationenvertrag auseinandergesetzt.

 

NW: Wie man hört, soll auch das Anwesen von Helmut und Loki Schmidt im benachbarten Stadtteil Langenhorn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?

Steinbrück: Das ist so nicht ganz richtig. Es soll zwar nach dem Wunsch der Eheleute Schmidt dort alles so erhalten werden, wie es ist. Als richtiges Museum eignet sich das Haus allerdings nicht. Vorstellbar wäre es, zu bestimmten Terminen, etwa dem Todestag oder dem Geburtstag von Helmut Schmidt, Führungen für Kleingruppen zu ermöglichen.

 

NW: Es gibt viele Menschen, die gern einen Blick in das Haus von Helmut Schmidt werfen würden…

Steinbrück: Mit Sicherheit. Deswegen soll es zeitnah einen virtuellen Rundgang durch den Bungalow geben. Da wird dann beispielsweise auch die Bar zu sehen sein, in der Schmidt schon den ehemaligen KPdSU-Chef Leonid Breschnew sowie den früheren französischen Staatspräsident Valérie Giscard d‘Estaing empfangen hat.

 

NW: Was ist noch geplant?

Steinbrück: Außerdem soll eine ständige Ausstellung zum Leben und Wirken Helmut Schmidts eingerichtet werden. Der Ort steht noch nicht fest. Nur so viel: Es soll ein zentraler Ort in Hamburg sein – und von herausragender Architektur.

Comments are closed.