Wand an Wand mit dem Literatur-Papst

Die Niendorferin Brigitte Stöber-Harries erinnert sich noch gut an ihren Nachbarn Marcel Reich-Ranicki

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„Durch ihn habe ich die Chance gehabt, unheimlich viel zu lesen“, sagt Brigitte Stöber-Harries. Die Niendorferin war in den 1960er Jahren die Nachbarin von Marcel Reich-Ranicki.

 

Im Ubierweg 10b lebte der spätere Literatur-Papst mit seiner Familie in einem Mehrfamilienhaus mit der Familie von Brigitte Stöber-Harries. „Das waren damals arme, geschädigte Leute. Flüchtlinge wie wir“, erinnert sich die Niendorferin, deren Vater vor der Flucht als politischer Häftling in  der DDR einsaß. Die jüdischen deutsch-polnischen Eltern Marcel Reich-Ranickis wurden in Treblinka ermordet, er und seine Frau Teofila entkamen den Nazis. Der Sohn der Reich-Ranickis wurde auf ein Internat nach England geschickt: „Ranickis Ehefrau war durch die Erlebnisse im NS-Regime schwer traumatisiert und hatte Angst, dass in Deutschland noch einmal Schreckliches geschehen könnte.“

Da Teofila Reich-Ranicki häufig zu Verwandten-Besuchen nach England reiste, nahm Marcel Reich-Ranicki, der damals als freier Redakteur für die „Zeit“ tätig war, die junge Brigitte häufig mit zu Theater-Premieren. Diese Besuche legten den Grundstein für die Theater-Begeisterung der Niendorferin. Auch damals schon konnte der Kritiker sich auf seine charakteristische Weise über die Inszenierungen echauffieren: „Er war auch damals schon ein Selbstdarsteller“, lacht Brigitte Stöber-Harries. Die spätere Autorin von Hunde-Fachbüchern war glücklich, die Bibliothek des Literaturkritikers nutzen zu dürfen: „Dadurch wurde ich ein großer Max Frisch-Fan.“

Dass Marcel Reich-Ranicki rückblickend seine Jahre in Hamburg von 1960 bis 1973 als „Zeit ohne Sozialkontakte“ bezeichnete, findet Stöber-Harries schade: „Meine Eltern und die Ranickis haben ganz viel zusammen unternommen. Sie sind gemeinsam verreist, ins Theater oder in den Tierpark gegangen. Außerdem hat er sich von meiner Mutter oft Ratschläge und nachbarschaftliche Hilfe geholt. Vor einigen Jahren habe ich ihm einen Brief geschrieben, aber er hat nie darauf geantwortet.“    mf  

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