Ankommen und Arbeiten

Wirtschaftskonferenz Eimsbüttel widmete sich Migration und Ausbildung

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Der Schlüssel zur Integration lautet Arbeit. Darüber waren sich die Teilnehmer der zehnten Wirtschaftskonferenz Eimsbüttel einig, die sich in diesem Jahr dem Schwerpunktthema „Ankommen und Arbeiten: Migration und Ausbildung“ widmete.

 

Doch wie kann der Einstieg vor allem junger Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingen? „Dies wird eine der größten Herausforderungen der nahen Zukunft sein“, betonte Bezirksamtsleiter Dr. Thorsten Sevecke in seiner Eröffnungsrede. Die deutsche Sprache möglichst schnell zu erlernen, sei an dieser Stelle essentiell. Dabei seien vor allem Kindertagesstätten und Schulen, aber auch Berufsbildungsstätten und Arbeitgeber gefragt, betonte Staatsrat Jens Lattmann, der den kurzfristig verhinderten Bürgermeister Olaf Scholz vertrat. „Es wird nicht einfach  werden und wir können auch scheitern“, betonte Lattmann weiter. Knapp ein Drittel der Flüchtlinge sei nicht einmal in der eigenen Sprache alphabetisiert, von den traumatischen Erlebnissen der Flucht einmal ganz abgesehen.

Ein weiterer wichtiger Baustein: Praktika. Die Bereitschaft der Betriebe, Flüchtlinge zu beschäftigen sei „riesengroß“, berichtete Armin Grams, Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg. Und: „Wir müssen möglichst schnell ins Handeln kommen. Was wir nicht gebrauchen können, sind bürokratische Hürden.“ So sah es auch das Handwerk in Person des Lokstedters Hjalmar Stemmann, Vizepräsident der Handwerkskammer Hamburg. „Wir sind in der Lage die Menschen bei uns unterzubringen“, betonte Stemmann, gleichzeitig könne so auch dem Fachkräftemangel im Handwerk entgegengewirkt werden, das derzeit Probleme habe, motivierte Auszubildende zu finden. Der Bezirkshandwerksmeister plädierte für duale Langzeitpraktika, die drei Tage in der WocheSprachunterricht und zwei Tage Arbeit im Betrieb vorsehen. 180 Flüchtlinge seien im Rahmen eines entsprechenden Pilotprojekts bereits in den Genuss des Angebots gekommen, das nun aber ausgeweitet werden soll. cs

 

Gelebte Integration – Drei Erfolgsgeschichten

 

Welches Integrationspotential bereits in der Wirtschaft des Bezirks steckt wurde anhand von konkreten Beispielen verdeutlicht.

 

Ankommen im Einzelhandel Edjar Tatar, Inhaber des Lebensmittelgeschäfts „Unser Markt“ an der Schlüterstraße im Stadtteil Rotherbaum, kam als Sohn türkischer Einwanderer 1979 nach Hamburg. Heute bildet er junge Menschen zu Kaufleuten im Lebensmittelhandel aus und bietet dabei Männern und Frauen eine Perspektive, die auf dem regulären Arbeitsmarkt ansonsten kaum eine Chance hätten. Beeindruckend: Ruben Mkrtschian aus Armenien absolvierte  vor einigen Jahren als Staatenloser seine Lehre bei Tatar. Heute studiert er Jura und engagiert sich für die „Refugees Law Clinic“, eine ehrenamtliche Rechtsberatung für Flüchtlinge.

 

Ankommen in der Gesundheits- und Pflegebranche Faisal Hamdo flüchtete 2014 aus Syrien nach Hamburg, im Gepäck ein Abschlusszeugnis als Physiotherapeut aus seiner Heimatstadt Aleppo. Zur Anerkennung seines Berufsabschlusses absolvierte er ein Programm der Universitären Bildungsakademie des Universitätsklinikums Eppendorf, die an der Lokstedter Kollaustraße beheimatet ist. Das Besondere: Dort werden die Teilnehmer in Kleinstgruppen in der Fachsprache quasi direkt am Arbeitsplatz unterrichtet. Mit Erfolg: Hamdo spricht heute fließend Deutsch, und hat einen Arbeitsvertrag von einer Physiotherapiepraxis so gut wie in der Tasche.

 

Ankommen im Handwerk Angelika Struckmann, Inhaberin der gleichnamigen Glaserei an der Eimsbütteler Osterstraße, und Saikou Ceesay lernten sich auf dem Fußballplatz des Eimsbütteler Turnvereins kennen. Der junge Gambianer kickte mit Struckmanns Sohn in derselben Mannschaft. Als der 18-Jährige, der in Deutschland nur geduldet war, abgeschoben werden sollte, sogar in Abschiebehaft genommen wurde, war ihr sofort klar: „Ich will helfen.“ Sie gab ihm einen Ausbildungsvertrag – und bereute es nie. Heute hat Ceesay die Lehre erfolgreich abgeschlossen und arbeitet als Geselle in der Glaserei. Struckmann: „Wir hoffen, dass er bleibt und mit uns gemeinsam alt wird.“ cs

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