„Unsere Demokratie ist nicht selbstverständlich!“

Vor 70 Jahren wurden die „Kinder vom Bullenhuser Damm“ ermordet

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„Ich kann es gar nicht begreifen, dass du mit sechs Jahren gestorben bist!“ „Heute wärst du 80 Jahre alt und hättest bestimmt viele nette Enkel!“  „Ich war ganz erschrocken, als ich von deiner Geschichte gehört habe. Ich verstehe nicht, dass es Menschen gibt, die so etwa Böses tun!“

 

Genau 70 Jahre ist es her, dass in der Schule am Bullenhuser Damm ein unbeschreiblich grausames Kriegsverbrechen verübt wurde. Am 20. April 1945 ermordeten Nazis 20 jüdische Kinder, an denen SS-Arzt Dr. Kurt Heißmeyer im KZ Neuengamme medizinische Versuche durchgeführt hatte. Um die Taten zu vertuschen, mussten die Kinder „beseitigt“ werden. Bis heute macht das Verbrechen sprachlos.

 

An der Klagemauer

 

Auch den zahlreichen Viertklässlern der Schnelsener Grundschulen, die sich in den vergangenen Wochen zum ersten Mal mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Vergangenheit befasst haben, fiel es schwer, Worte zu finden. In Gedichten und Briefen, die sie während der Gedenkfeier am Montag auf dem Roman-Zeller-Platz vortrugen, ließen sie ihren Gedanken freien Lauf. An der „Klagemauer“ legten sie ihre Plakate sowie Blumen und Steine nieder.

„Ihr tragt eine große Verantwortung, wenn ihr die Erinnerung an die Kinder bewahrt“, sagte Gemeindepädagogin Marion Voigtländer. „Ihr setzt den anonymen Nummern Namen und Gesichter entgegen!“ Niemanden ausgrenzen, nicht schlecht über andere reden, niemandem Gewalt androhen, stattdessen  mutig sein und sich für andere einsetzen – das seien die Lehren, die sie aus dieser Geschichte ziehen sollten.

 

Viel zu verdanken

 

Pastor Peter Hahn erinnerte daran, dass die heute Lebenden den Opfern mehr zu verdanken haben, als sie ahnten: „Unser Leben in Freiheit ist auf dem Boden gewachsen, der ihre Opfer birgt. Mögen ihre Klagen und Rufe nie verstummen, damit wir uns stets vergegenwärtigen, dass unsere Demokratie nicht selbstverständlich ist!“  löv

 

 

Verlust des Bruders schmerzt bis heute

 

Er hat das KZ Auschwitz, zwei Todesmärsche und vier Transporte überlebt. Trotzdem sagt Ytzhak Reichenbaum, dass er nach dem Krieg ein schönes Leben hatte. Mit seiner Frau Bella ist er seit 62 Jahren verheiratet. Seine drei Kinder sind wohlgeraten, die berufliche Laufbahn war erfolgreich. All das ist seinem jüngeren Brüder Eduard verwehrt geblieben. Er gehört zu den Kindern vom Bullenhuser Damm, die als Opfer medizinscher Versuche missbraucht und getötet wurden. Doch das wusste seine Familie lange nicht. Im August 1944 waren die Brüder und ihre Mutter nach Auschwitz gebracht und separiert worden. Der Vater blieb im Arbeitslager zurück, wo er wenig später geschwächt erschossen wurde. Den Krieg überlebten nur Ytzhak und seine Mutter, die sich 1947 in Israel wiedersahen.  Erst 1984 erfuhren sie aus einer hebräischen Zeitung, was mit Eduard geschehen war. „Er war ein fröhlicher und lustiger Junge“, erinnert sich der 83-jährige und schaut auf ein Foto von 1937, das die Brüder und den Vater in ihrem Geburtsort Kattowitz zeigt. Reichenbaum hütet es wie einen Schatz. Fast jedes Jahr im April nimmt er die für ihn mittlerweile beschwerliche Reise aus Israel auf sich, um an den Gedenkfeiern für die Kinder vom Bullenhuser Damm teilzunehmen. „Die Nachkriegsgenerationen sollen wissen, was damals im Namen des deutschen Volkes passiert ist. Sie sind dafür verantwortlich, dass solche Dinge nie wieder passieren!“

 

 

Marek James: Sein Name lebt weiter

 

Seinen älteren Bruder hat der in San Diego lebende Mark James nie kennengelernt. Dennoch könnte er kaum enger mit ihm verbunden sein, denn der 68-jährige trägt seinen Namen. „Nein, es ist keine Last, damit zu leben. Ich finde es schön“, erzählt der 68-jährige, während seine Begleiter sich das Marek-James-Straßenschild anschauen. Seine Eltern und sein Bruder stammten aus dem polnischen Radom und lebten bis 1943 im dortigen Ghetto. Im Sommer 1944 wurde die Familie ins KZ Auschwitz deportiert und getrennt. Den fünfjährigen Marek brachten die Nazis ins KZ Neuengamme. „Ich habe früh erfahren, dass ich einen Bruder hatte“, berichtet Mark James. Doch auch seine Familie erfuhr erst 1982 Einzelheiten über seinen Tod. In der Publikation „The Voice of Radom“ – herausgegeben von Überlebenden des Ghettos – wurde über das von Journalist Günther Schwarberg aufgedeckte Kriegsverbrechen berichtet. „Schwarberg hat auch persönlich versucht, Kontakt zu meiner Mutter aufzunehmen. Aber sie konnte sich zeitlebens nicht überwinden, mit Deutschen zu sprechen“, so James. Er selbst  wandte sich 2010 an die Vereinigung „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“ und reiste ein Jahr später erstmals zur Gedenkfeier nach Hamburg. Dabei lernte er seinen Cousin Guy Yames aus Israel kennen. Die Gedenkarbeit und die Erinnerungskultur der Deutschen beeindruckten den Amerikaner. Auch viele Begegnungen und Gespräche haben seine Einstellung geändert. Mark James – so kann man wohl sagen – hat seinen Frieden mit Deutschland gemacht. 

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