Ankunft im neuen Leben

Bezirkspolitiker erzählen ihre Flucht-Geschichte

Archiv| Views: 49

Weltweit befinden sich Millionen Menschen auf der Flucht. Krieg, Verfolgung oder der Wunsch nach einem besseren Leben veranlassen sie, Zuflucht in einem anderen Land zu suchen.

 

Im vergangenen Jahr haben in Deutschland mehr als 200 000 Menschen Asyl beantragt – der vierthöchste Wert in der Nachkriegszeit. Rund 20 Prozent der Asylbewerber kamen aus Syrien, 30 Prozent aus der Balkanregion.

In Hamburg wurden 2014 etwa 6600 Flüchtlinge aufgenommen und zu fast 90 Prozent in öffentlichen Unterkünften untergebracht – auch in unseren Stadtteilen. Doch die Aufnahmestellen sind überlastet. Laufend muss die Sozialbehörde die Kapazitäten der Zentralen Erstaufnahme erhöhen, um mit der Zuzugsentwicklung Schritt zu halten.

Hinter diesen nüchternen Zahlen steht das Schicksal einzelner Menschen. Viele von ihnen haben Schreckliches hinter sich und sind traumatisiert. Sie alle hoffen auf Frieden, Freiheit und Wohlstand. Doch der Weg in das neue Leben – wenn er überhaupt gewährt wird – ist lang und anstrengend.

Auch einige unserer Lokalpolitiker kamen in in ihrer Kindheit als Flüchtlinge und Einwanderer nach Deutschland. Heute startet unsere neue Serie, in der sie von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählen, die auch dazu beigetragen haben, sich politisch zu engagieren. Den Anfang macht Ali Mir Agha (Bündnis 90/Die Grünen). Es folgen in den kommenden Wochen Koorosh Armi (SPD) und Zaklin Nastic (Die Linke). löv

 

Ali Mir Agha: Praktische Wehrkunde im Unterricht

 

Der Erste Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak (1980 bis 1988) überschattete seine Kindheit. Als Sohn eines persischen Vaters und einer deutschen Mutter wurde Ali Mir Agha 1975 in Teheran geboren.

 

Lange hofften seine Eltern auf ein baldiges Ende des Krieges und die Einführung der Demokratie. Stattdessen kamen die Scud-Raketen  „dank“ der Hauptstadt immer näher. Als Mir Agha zwölf Jahre alt war, stand praktische Wehrkunde auf seinem Stundenplan. „In der Theorie weiß ich, wie man einen Hügel einnimmt!“ Im Alter von 14 Jahren wäre er  zum Militärdienst eingezogen worden. Ab diesem Zeitpunkt hätte man ihm trotz seiner doppelten Staatsbürgerschaft, die im Iran nicht galt, eine Ausreise nach Deutschland verwehrt. Als dann seine Mutter an Multipler Sklerose erkrankte, verließ die Familie das Land. In Deutschland musste die Familie bei Null anfangen. Die privaten Krankenkassen lehnten die Aufnahme der kranken Mutter ab. Eine Versicherung in der gesetzlichen Kasse war erst möglich, als die Ersparnisse für die Behandlung der Mutter aufgebraucht waren.

Verschlossene Türen

„Die Auseinandersetzung mit dem Sozialsystem war sehr schwer. Wir standen vor vielen verschlossenen Türen. Für meinen Vater war das demütigend“, erinnert sich der heute 39-jährige. Auch für ihn selbst war die Eingewöhnung nicht leicht.

Zwar hatte er seine Sommerferien regelmäßig bei den Großeltern in Langenhorn verbracht und verstand die Sprache ganz gut, aber sprechen konnte er sie kaum. Ein halbes Jahr besuchte er eine Integrationsklasse in Niendorf und wechselte dann auf die Fritz-Schumacher-Schule, wo er sich bis zum Gymnasialübergang hocharbeitete. Der anschließende Sprung auf’s Wirtschaftsgymnasium war hart, aber erfolgreich. Nach dem Abitur studierte Mir Agha Jura. Heute leitet er eine ambulante Sozialpsychiatrie in Bergedorf. Wenn man so will, ist der 39-jährige ein Paradebeispiel für eine gelungene Integration. Reibungslos verlaufen ist sie dennoch nicht. In der Schule wurde der Junge oft mit ausländerfeindlichem Verhalten konfrontiert: „Bist du Türke, dann stirb!“ Abends über den Tibarg laufen, war tabu. War er in anderen Stadtteilen unterwegs und musste nach dem Weg fragen, standen die Chancen 50:50, dass er eine rassistische Antwort statt Hilfe bekam. „Heute ist die Haltung der Menschen wesentlich aufgeschlossener. Innerhalb einer Generation hat sich enorm viel getan!“, so der Bezirkspolitiker erfreut.

Politische Salons

Zu den Grünen kam er über den Bürgerschaftsabgeordneten Kurt Edler, der ihn als Politiklehrer zu privaten politischen Salons einlud. Das nachhaltige Denken und die Toleranz der Grünen für Diversität und Multikulturalität sagten Mir Agha zu. „Die ethnologische oder sexuelle Identität eines Menschen sollte heute keine Rolle mehr spielen!“ löv

 

Comments are closed.