Lebte als Flüchtling auf dem Schnelsener Campingplatz: Jacob Weigert (33). Foto: mf

Die Schule war ein Schock

Schauspieler Jacob Weigert kam vor 25 Jahren als DDR-Flüchtling nach Schnelsen

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„Wenn ich gewusst hätte, dass ich nie wieder nach Hause komme, hätte ich die guten Spielzeugautos eingepackt“, sagt Jacob Weigert. Der Schauspieler war acht Jahre alt, als er 1989 mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder aus Ost-Berlin flüchtete.

 

„Meine Mutter erzählte mir, dass wir einen Wochenendausflug zu Onkel Alexander machen würden“, erinnert sich Jacob Weigert. „Einen Onkel Alexander kannte ich gar nicht.“ Seine Mutter ließ den Achtjährigen über die Flucht lieber im Ungewissen. „Ich dachte, wir fahren aufs Land, deshalb habe ich die schlechten Autos, die matschig werden können eingepackt“, erzählt er. Dass er sein Spielzeug, die Wohnung und seine Freunde nie wiedersehen würde, wusste er nicht.

Statt aufs Land ging es mit dem Zug nach Ungarn. „Ich erinnere mich noch, wie die Hände meiner Mutter bei der Grenzkontrolle zitterten.“ In Ost-Berlin ließ die alleinerziehende Allgemeinmedizinerin eine eigene Praxis zurück. Den Trabant, auf den sie zehn Jahre gewartet hatte, verschenkte sie. Mit zwei Koffern erreichte die Familie zwei Monate vor der Maueröffnung Hamburg und wurde für ein Dreivierteljahr auf dem Campingplatz in Schnelsen untergebracht. „Die Bilder vom Mauerfall haben wir gar nicht gesehen, wir hatten ja keinen Fernseher“, sagt Weigert. „Aber das Leben im Wohnwagen war ein Abenteuer für mich. Und es war toll, wenn der Arbeiter Samariter Bund mit dem Laster voller  Fahrräder kam. Die haben auch Klamotten und Essen gebracht.“ Jacob wurde in der Grundschule Anna-Susanna-Stieg eingeschult: „Das war erst mal ein Schock! Die Kinder kannten ganz andere Schimpfwörter und Freundschaften hatten eine andere Wertigkeit als in der DDR. Dort war es einfacher und verbindlicher.“  Vom Campingplatz zog die Familie in eine Wohnung im Von-Herslo-Weg in Schnelsen, bevor es nach zwei Jahren nach Eimsbüttel ging, wo die Mutter eine neue Praxis eröffnete. „Ich habe Schnelsen mit dem vielen Grün geliebt und wollte da nicht weg“, erinnert sich der 33jährige. Mit elf Jahren entdeckte Jacob Weigert seine Leidenschaft fürs Schauspiel. Er  absolvierte eine Schauspielausbildung, stand auf zahlreichen renommierten Theaterbühnen, spielte Fernsehserien, arbeitet als Synchron-, Werbe- und Hörbuchsprecher. Demnächst ist er wieder im „Hamlet“ im Hamburger Monsun-Theater zu sehen. mf

 

Die erste Bleibe

In Hamburg fanden viele Flüchtlinge eine erste Bleibe auf dem Campingplatz hinter Ikea am Wunderbrunnen in Schnelsen. Neben den Wohnwagen wurden Zelte aufgestellt. „Es war sehr voll, sehr eng und chaotisch. Aber die Stimmung war positiv“, erinnert sich Michael Voß aus Niendorf, der die Flüchtlinge damals ehrenamtlich unterstützte.

 

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