Kein Service mehr: Seit der neue Eigentümer die Wohnanlage am Grandweg 92/92a übernahm, fühlen sich die betagten Bewohner allein gelassen Foto: sun

Dunkle Wolken über dem „Platz an der Sonne“

Die betagten Mieter einer Lokstedter Wohnanlage finden kein Gehör mehr

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Der Rückbau der barrierefreien Bäder in der 2007 erbauten Anlage für „Wohnen im Alter“ im Lokstedter Grandweg macht die vornehmlich betagten Bewohner traurig. Doch das ist nicht ihr einziges Problem.

Als die AWO vor sieben Jahren im Grandweg 92/92a neu baute, warb sie mit der Möglichkeit des betreuten Wohnens in den 42 barrierefreien Wohnungen. Viele der älteren Mieter zogen in der Hoffnung ein, hier bis zu ihrem Lebensende wohnen und darauf bauen zu können, dass bei Bedarf pflegerische und hauswirtschaftliche Dienste zur Verfügung stehen werden. Doch dann kam Ende 2013 das Aus für die Wohnform. Die AWO musste verkaufen.

Neuer Eigentümer ist „Akelius“, ein schwedischer Konzern mit Sitz in Berlin. Und der begann sofort mit einer „Sanierung“. Was nichts anderes heißt, als dass die Barrierefreiheit der Bäder abgeschafft wurde: Die rollstuhlgerechten Nasszellen wurden entkernt, statt großer bodengleicher Duschen gibt es nun Wannen und Waschtische, die den Raum klein machen. Das Ziel: Diese Wohnungen sollen künftig auch „normale“ und solvente Mieter anziehen. Aus ökonomischer Sicht ein logischer Schritt, auch wenn viele der jetzigen Bewohner nicht glücklich darüber sind. Sie bangen um ihre Ruhe, denn dank der dünnen Wände bleiben Telefonate keine Privatsache „und nachts weckt uns das Rauschen der Klospülung auf“, erzählen zwei Bewohner.
Bedenklich finden sie auch den seit Monaten andauernden Leerstand und dass „Akelius“ gar nicht erst versuche, das Objekt zu vermarkten. Weder stünden die leeren Wohnungen – sechs in Hausnummer 92, zwei in 92a – in den Immobilien-Portalen, noch reagiere das Unternehmen auf Anfragen von potenziellen Mietern. Inzwischen ist es kaum noch zu übersehen: Auf manchen Balkonen wächst das Unkraut über die Brüstung und die gemeinsame Dachterrasse sieht aus wie eine vergessene Wiese mitten im Sommer.

Auch in diesem Punkt fühlen sich die Bewohner ohne Lobby. Vom Seniorenbeirat sei mal ein Mann dagewesen, berichtet eine Mieterin, „aber da kam nichts nach.“ Und kürzlich soll sich jemand vom Amt für Wohnraumschutz für diesen Leerstand interessiert haben, aber insgesamt fühlen sich die betagten Leute weitgehend sich selbst überlassen. Es ist kein Hausmeister mehr vor Ort, der sich um alles kümmert. Kurz vor Weihnachten fiel die Heizung vier Tage lang aus, da Pellets fehlten. Störungen an der Eingangstür und am Lift werden oft tagelang nicht behoben, der Trockner im Keller ist seit Wochen defekt, die letzten Wartungen der Entlüftungsanlagen und Rauchmelder sind ewig her.

Dabei war dies mal ein „Platz an der Sonne“: Im Foyer hängt immer noch ein Schild der ARD-Fernsehlotterie, die das Projekt finanziell gefördert hat. Das sei Geschichte, so ihr Sprecher Michael Pahl: Diese Förderungen seien stets  zweckgebunden. Die für dieses Projekt war festgelegt auf 25 Jahre. Nach dem Verkauf habe die AWO aber die Fördergelder ordnungsgemäß zurückgezahlt.

Was bleibt, ist die moralische Frage an jene, die diesen Rückbau der Barrierefreiheit in der Lokstedter Wohnanlage zu verantworten haben: Ist es fair, ausgerechnet dort seniorengerechten Wohnraum zu vernichten, wo er ohne Frage Mangelware ist?    sun

 

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