Steffi Wittenberg Foto: mf

Wir müssen noch lange darüber reden!

Die Niendorferin Steffi Wittenberg entkam dem NS-Regime

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„Das ist eine Prüfung.“ Die Worte des Hamburger Oberrabbiners Joseph
Carlebach haben die junge Jüdin Steffi Wittenberg 1938 beeindruckt und Mut
gemacht.

 

Als 13jährige konnte sie den Nazis nach langem
Zittern nach Uruguay entkommen. Nun ist die 88-jährige Schirmherrin des ersten
„Eimsbütteler Monats des Gedenkens“.


„Jetzt werden wir alle umgebracht“, kommentierte
Steffi Wittenbergs Mutter am 1. September 1939 den Kriegsbeginn. Ihr Mann und
Sohn konnten bereits 1938 nach Uruguay flüchten, sie und Tochter Steffi mussten
noch bis Dezember 1939 um ein Visum bangen. „Das Angstgefühl war da, aber ich
hatte eine fröhliche Kindheit“, erinnert sich Steffi Wittenberg, die am
Mittelweg als Tochter eines Lederwaren-Vertreters aufwuchs. „Der Friseur und
der Krämer grüßten uns zwar nicht mehr, aber wir wurden nicht angepöbelt. Ich
war eingebettet in meine Familie und Freundschaften.“


Nach dem Pogrom am 9. November änderte sich ihr Leben
sehr. „Wenn es abends klingelte waren wir angst und bange, dass wieder jemand
abgeholt wurde.“ Juden wurden vom Wirtschaftsleben ausgeschlossen, durften
nicht mehr ins Kino, Theater oder auf die Eisbahn in Planten un Blomen. Da der
Direktor der israelitischen Töchterschule Karolinenstraße gewarnt wurde und
auch die Feuerwehr offensichtlich Bescheid wusste, ist Wittenberg sicher: „Der
Pogrom war von der Nazi-Führung geplant, das war kein spontaner Volkszorn. Das
war Gehirnwäsche.“

Ende Januar 1940 kamen Steffi (re.) und ihre Mutter in Uruguay an Foto: privat

Damit so etwas nicht noch einmal passieren kann,
erzählt sie ihre Geschichte. Und weil sie nach der geglückten Flucht in Uruguay
selbst ein Flüchtling war, ist sie eine unermüdliche Mahnerin für Asyl und die
menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen: „Gerade Deutschland sollte sich
dafür einsetzen!“.


1951 kam Steffi Wittenberg
zusammen mit ihrem Mann Kurt zurück nach Hamburg, seit 1972 lebt sie in
Niendorf. Seitdem sich die beiden in Südamerika kennenlernten waren sie
politisch aktiv, unter anderem in der Vereinigung der Verfolgten des
Nazi-Regimes.

Für den kommenden Monat des
Gedenkens wünscht Steffi Wittenberg sich, dass auch das Mahnmal „Tisch mit 12
Stühlen“ in Niendorf einbezogen wird, das an elf Hamburger Widerstandskämpfer
erinnert. „Dieses Jahr hat sich leider niemand gefunden.“ Am 8. Mai spricht
Steffi Wittenberg im Rahmen des Monats des Gedenkens darüber, wie sie Krieg und
Shoah im Exil wahrgenommen hat (siehe Kasten).  
mf

Ende Januar 1940 kamen Steffi (re.) und ihre Mutter in Uruguay an Foto: privat

Termin

Arie Goral und Steffi Wittenberg: „…richtig verstanden hat man das erst
nach der Rückkehr!“, Do., 8. Mai, 19 Uhr, Dr. Alberto-Jonas Haus,
Karolinenstraße 35 (U-Messehallen), der Eintritt ist frei. Weitere
Informationen unter www.
gedenken-eimsbuettel.de

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